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24. Oktober 2017

ETF Magazin: „Robo-Advisor – ein neuer Milliarden-Markt?“


25. September 2017. München (ETF Magazin). Robo-Advice ist das kommende Milliardengeschäft. Darauf bauen zumindest digitale Vermögensverwalter und ETF-Anbieter. Robo-Advice heißt übersetzt automatisierte Beratung. Robo-Advisor wiederum ist der Sammelbegriff für Start-ups, die die Dienstleistungen eines Finanzberaters oder Teile davon digitalisieren und automatisieren wollen. Einige Anbieter sprechen sogar von einer digitalen Vermögensverwaltung. Weltweit verwalten heute Robo-Advisors zwischen 100 und 150 Milliarden Dollar, schätzt das Beratungsunternehmen Oliver Wyman. Binnen drei Jahren könne das Volumen indes auf 500 Milliarden Dollar anwachsen.

Fast beliebige Einstiegssummen

Der Markt verspricht also ein Riesenpotenzial. Letztlich geht es nicht nur darum, eine neue Dienstleistung anzubieten, sondern eine komplett neue Zielgruppe zu erschließen: die relativ junge Generation der zwischen 1984 und 1996 Geborenen, die sogenannten Digital Natives. Mit klassischen Banken haben sie wenig am Hut, vermeiden so weit als möglich den physischen Kontakt mit Geldhäusern und sind mit traditionellen Angeboten kaum zu erreichen. Um trotzdem ins Geschäft zu kommen, setzt die Finanzbranche zunehmend auf Online-Angebote und eben auch auf digitale Vermögensverwaltung.

Die Vorteile des Robo-Angebots: Online-Abwicklung, leicht nachvollziehbare Leistungen, weit gehende Transparenz, Flexibilität, fast beliebige Einstiegssummen, unkomplizierte Exit-Möglichkeit. Alle Robo-Angebote versuchen, ihre Vermögensverwaltung möglichst komplett online anzubieten - von der Kontaktaufnahme über Vertragsabschluss bis hin zur Videoidentifikation mit anschließender Online-Überweisung der Anlagesumme und anschließendem Online-Reporting. Robo-Kunden brauchen kein Bankgebäude mehr zu betreten.

Zielgruppe Digital Natives

Usus ist aber, nach der Kontaktaufnahme via Internet die Risikobereitschaft des Anlegers zu ermitteln, um auf dieser Basis die zu empfehlende Anlagestrategie festzulegen. Schlussendlich wird dann das Kundenvermögen zumeist in einem ETF-Portfolio verwaltet. Manche Anbieter begnügen sich dabei mit drei unterschiedlichen Portfolios, andere führen 20 verschiedene oder mehr - was wiederum die Frage aufwirft, wie viele Angaben ein Neukunde machen muss, um so breit diversifizieren zu können. Zum anderen muss die Anzahl der Fragen, die es online zu beantworten gilt, möglichst klein sein - mit jeder zusätzlichen Frage steigt die Gefahr, dass der Online-Kunde den Dialog abbricht. Ein schwieriger Spagat - denn einerseits schreibt der Gesetzgeber nach Wertpapierhandelsgesetz einen Angemessen- und Geeignetheitstest der Neukunden vor, andererseits will der Anbieter den potenziellen Kunden nicht sofort wieder verlieren.

Bislang sind die Erfolge der deutschen Robo-Branche allerdings ernüchternd. Sowohl, was das Volumen angeht, als auch hinsichtlich der jungen Zielgruppe. So sind beispielsweise zwar 29 Prozent der Kunden von fintego, dem Robo der Münchner ebase, zwischen 30 und 39 Jahre alt, aber nur 13 Prozent zwischen 18 und 29 Jahre. Der Altersdurchschnitt insgesamt liegt bei über 40 Jahren, und der älteste Kunde ist 86 Jahre alt. Da gilt es noch reichlich Überzeugungsarbeit zu leisten, was die junge Bankkundschaft betrifft - oder andere Marketingwege einzuschlagen. Potenzial sei da - sagen die Berater von Oliver Wyman. Bis Ende 2017 taxieren sie für den deutschen Markt ein zu verwaltendes Robo-Vermögen von bis zu einer Milliarde Dollar, das bis zum Jahr 2020 auf bis zu 22 Milliarden Dollar regelrecht explodieren soll.

Verhaltener Start

Weshalb der Markt bislang eher verhalten wächst, dürfte in erster Linie daran liegen, dass überwiegend Start-ups als Robo-Advisors unterwegs waren - Fintechs mit einer guten Geschäftsidee, aber im Prinzip ohne Kunden, ohne Track-Record und mit begrenztem Marketingbudget. Doch in diesem Jahr ist Bewegung ins Spiel gekommen. Große Banken sind in den Markt eingetreten, andere haben Deals eingefädelt, die aufhorchen lassen. So kooperiert etwa der Berliner Robo-Advisor Scalable jetzt mit Siemens Private Finance und hat zusätzlich Blackrock, den weltgrößten Asset-Manager als Gesellschafter gewinnen können. Das adelt nicht nur den Advisor, sondern macht deutlich, welche Hoffnungen einige ETF-Häuser in das Verhaltener Start.

Inzwischen folgt gefühlt jede Woche die Ankündigung eines neuen Marktteilnehmers. Das reicht von der Comdirect, die den Markennamen Cominvest wiederbelebt und mit fünf Robo-Depots befüllt hat, über die Union Investment, die via Visualvest gleich 17 verschiedene Strategien anbietet, bis hin zu ING-Diba, BNP Paribas, der Deka mit "bevestor" sowie der Deutschen Asset Management. Die Tochter der Deutschen Bank hat einen "Human Robo" entwickelt, mit dem sie Vertriebspartner anspricht und nicht die Endkunden.

Nebenbei bemerkt, steht die Deutsche AM damit in Konkurrenz zum Mutterkonzern, der einen eigenen Robo-Advisor entwickelt. Schließlich möchte die Deutsche Bank in diesem Wachstumssegment auch dann mitmischen, wenn sich ihre Asset-Management-Tochter (wie geplant) nicht mehr zu 100 Prozent im Besitz der Bank befindet.

Die Deutsche AM wickelt bei diesem Modell das Asset-Management ab und kümmert sich um das Reporting und die Dokumentation. Für die Kundenansprache und den Detailvertrieb ist der Vertriebspartner zuständig. Ein ähnliches Modell verfolgt bereits ebase, die mit fintego sogar ihre eigene digitale Vermögensverwaltung anbietet und zugleich als Service-Dienstleister im Hintergrund etwa den Robo-Advisor der Wüstenrot Bank als White-Label-Konzept betreibt.

Der erste Kunde der Deutschen AM ist die Basler Versicherung mit dem Produktangebot "Monviso", das seit Anfang Juli live ist. Das Basler-Angebot Monviso basiert auf besagtem "Human Robo", der auch als aktiv investierender Robo beschrieben werden kann. Die Anlageentscheidungen der "21 Multi-Asset-Portfolios für sieben verschiedene Risikoklassen" resultieren aus den Asset-Allokation-Ideen der Deutschen AM. Somit ist hier mit deutlich häufigeren Umschichtungen zu rechnen als bei den ansonsten recht statischen Robo-Angeboten. Der "Human Robo" arbeitet im Übrigen mit ETFs und aktiven Fonds der Deutschen AM wie auch mit Drittprodukten, die der Vertriebspartner frei wählen kann.

Fintego kommt demgegenüber mit nur fünf ETFs aus, die die Anlageklassen Staatsanleihen Europa, Unternehmensanleihen Europa, Aktien global, Aktien Schwellenländer und Rohstoffe abbilden. Schließlich mache die strategische Asset-Allokation rund 90 Prozent des Erfolgs eines Portfolios aus, wohingegen die taktische Asset-Allokation und das Timing nur Mühen und Kosten verursachen, unter dem Strich aber relativ wenig bringen. In den Kundenportfolios variiert fintego die Gewichte der einzelnen Anlageklassen je nach Risikopräferenz. Im defensiven Portfolio ist etwa die Anlageklasse Aktien global mit 10 Prozent gewichtet, während der Anteil am offensivsten Portfolio 75 Prozent beträgt.

"Human Robo" auf der einen und fintego auf der anderen Seite beschreiben gewissermaßen die Bandbreite der Robo-Advisors. Die meisten Anbieter stellen dabei die Anlageprodukte, die sie einsetzen, sowie auch die Strategie an sich wenigstens einmal jährlich auf den Prüfstand - und wechseln fallweise Produkte aus oder verschieben gegebenenfalls die Gewichte der Anlageklassen. Davon unabhängig werden Re-Balancings vorgenommen, wenn auf Grund von Kursbewegungen bei Anlageklassen die Portfolio-Gewichte die vorgegebenen Bandbreiten verlassen haben. Dies ist zugleich eine eingebaute Antizyklik, die dafür sorgt, dass bei besser gelaufenen Anlageklassen Gewinne mitgenommen werden.

Reichlich Neugeschäft

Gemein ist allen Robo-Angeboten, dass sie sehr stark auf ETFs setzen. Das erhöht die Flexibilität und hält die Transaktionskosten auf niedrigem Niveau, wobei auch klar ist, dass ein aktives Management und beschleunigte Umschlagshäufigkeiten die Kosten in die Höhe schrauben, was letztlich zu Lasten der Performance geht. Robo-Advisors wie Ginmon und Quirion setzen zudem Indexfonds ein, andere wie Cominvest, Investify, Liqid, Vaamo, Visualvest und Bevestor überdies aktiv gemanagte Fonds - bevorzugt aus dem eigenen Beteiligungskreis, sofern vorhanden, weil man die am besten beurteilen könne, so die landläufige Auskunft. Allerdings räumen auch die Konzerngesellschaften ein, Drittfonds in die Auswahl miteinzubeziehen.

Für ETF-Anbieter dürfte es angesichts der bestehenden Konkurrenzsituation und des zu erwartenden Marktpotenzials wiederum von Relevanz sein, sich nicht nur im Robo-Markt zu engagieren, sondern verstärkt auch bei Robo-Advisors. Bei der Auswahl der zu verwendenden ETFs könnte dies das Zünglein an der Waage sein und letztlich den Ausschlag geben.

von Wilhelm Nordhaus © September 2017 - ETF Magazin


Dieser Artikel stammt aus dem aktuellen ETF Magazin.

Das ETF Magazin erscheint quartalsweise in Zusammenarbeit mit Focus Money und richtet sich an Berater, Vermögensverwalter und Portfoliomanager, ist aber sicher auch für informierte Anleger interessant.

Quelle: Börse Frankfurt

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