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21. April 2018

Baader Bond Markets: „Die Rhetorik bei der EZB verändert sich“


12. April 2018. MÜNCHEN (Baader Bank). Allen Marktteilnehmern ist klar, dass eine Kehrtwende in der europäischen Zinspolitik bevorsteht. Aber wegen der sich täglich vermehrenden politischen und wirtschaftlichen Streitthemen ist eine seriöse Prognose hinsichtlich des Zeitplans nicht möglich. Jedoch ist ein sogenanntes Drehbuch für die Zinswende nur die eine Seite der Medaille. Denn bevor man den Plan in die Tat umsetzen kann, müssen die Finanzmärkte auf die geldpolitischen Anpassungen mit einer geänderten Kommunikation vorbereitet werden. Hierin liegt zunächst das Hauptproblem, denn bisher hat man den einzelnen Ratsmitgliedern außerhalb der siebentägigen "Quiet Periode" keinen Maulkorb angelegt.

So wurde man immer wieder mit den Bedenken eines Jens Weidmann zu den aktuellen EZB-Ankaufprogrammen oder aber auch mit den Gedanken eines Vitor Constancio, dem im kommenden Monat scheidenden EZB-Vizepräsidenten, bzw. von Benoit Coeure konfrontiert. Betonte Jens Weidmann stets die Dringlichkeit eines Endes von QE, so warnte Vitor Constancio immer wieder - mit dem Hinweis auf das noch nicht erreichte Inflationsziel - vor einem zu raschen Wechsel auf eine straffere Geldpolitik. Auch der Franzose Benoit Coeure verweist bei jeder sich bietenden Gelegenheit darauf, dass Geldpolitik eine langfristige Angelegenheit ist und noch für längere Zeit - die Wirtschaft unterstützend - eingesetzt wird. Dies bedeutet im Umkehrschluss, dass für Investoren der Traum von inflationsausgleichenden Zinsen auch in naher Zukunft nicht in Erfüllung gehen wird.

Dies heißt allerdings nicht, dass Zinsanpassungen generell ausgeschlossen werden können. Es wird im Zuge der anstehenden Zinsentscheidungen der wichtigen Notenbanken sehr viel Fingerspitzengefühl von den Notenbankern um Mario Draghi verlangt werden. Doch was bedeutet das? Sollen die Marktteilnehmer immer wieder mit den gleichen Argumenten auf den Tag X vorbereitet werden? Nein, das kann und wird nicht die Strategie sein. Eher stellt sich das Gefühl ein, dass die Notenbanker mit unterschiedlichen Sichtweisen eine "Schaukelbewegung" initiieren sollen, um die Reaktionen der Marktteilnehmer besser beurteilen zu können.

Anders ist die jüngste Äußerung des österreichischen Vertreters Ewald Nowotny zu Anleihekäufen und Zinsentwicklung nicht zu verstehen. In einem Interview hat er die Möglichkeit einer Erhöhung des Einlagensatzes von -0,40 Prozent auf -0,20 Prozent ins Spiel gebracht, und zwar noch bevor der Leitzins erhöht werden würde. Die Reaktion an den Devisenmärkten ließ nicht lange auf sich warten. Aber auch die Tatsache, dass ein EZB-Sprecher sich genötigt sah, darauf hinzuweisen, dies spiegele nicht die Meinung des EZB-Rates wider, sondern nur des Gouverneurs Nowotny, lässt vermuten, dass in den kommenden Wochen und Monaten noch viele dieser "Testballons" aufsteigen werden.

Gespenst eines Handelskriegs ist erst einmal verscheucht

Soll das etwa heißen, D. T., der Unberechenbare, hat Erfolg mit seiner aggressiven Art, Wirtschaftspartner durch eine protektionistische Handelspolitik unter Druck zu setzen? Tatsächlich scheinen die Drohungen des US-Präsidenten in China Wirkung zu entfalten. Nachdem Trump seine Keule der Androhung von Strafzöllen geschwungen hat, gibt sich der Staatschef in Peking, Xi Jinping, gefügig. Bei dem Gipfel im chinesischen Davos, Boao, avisierte Xi, seine Regierung werde ausländischen Unternehmen, insbesondere aus der Finanzbranche, den Markteintritt in China erleichtern.

Auch der Forderung der Autoindustrie nach einer Lockerung von Beteiligungsregeln will Peking offenbar nachgeben. Ebenso soll geistiges Eigentum künftig besser geschützt werden. Bekanntlich beklagen westliche Firmen immer wieder, den mangelnden Schutz von Patentrechten im Reich der Mitte. Als weiteres Zugeständnis gegenüber den USA, aber auch Europa, zählt insbesondere die Ankündigung von Xi, die Zölle auf importierte Autos beträchtlich zu senken - ein Umstand, der natürlich auch in der deutschen Autoindustrie für Jubel sorgen dürfte. China belegt zurzeit die Einfuhr ausländischer Fahrzeuge mit 25 Prozent Zoll. Ebenso hat die Ankündigung der chinesischen Zentralbank, auf eine Abwertung der Landeswährung Yuan als Druckmittel gegen Washington zu verzichten, für weitere Entspannung gesorgt.

Wieviel diese Signale, die da Peking aussendet, wert sind, muss sich zwar erst noch zeigen. Schließlich hat Xi bereits vor gut einem Jahr im schweizerischen Davos sich nahezu wortgleich geäußert. Und geschehen ist bislang reichlich wenig. Im Gegenteil, Beobachter weisen immer wieder darauf hin, dass sich die Situation für ausländische Firmen in China in den vergangenen Jahren häufig verschlechtert und nicht etwa verbessert habe.

"Wieviel Xis Ankündigungen wert sind, muss sich erst noch zeigen."

Aber dass China nun liefern wird, davon sind die Kapitalmärkte überzeugt. Dies zeigen die Reaktionen an den weltweiten Aktienmärkten, die allesamt mit steigenden Kursen reagierten. Das Gespenst eines andauernden Handelskriegs ist mit Xis Einlenken zunächst einmal verscheucht. Trump, der China gedroht hatte, Produktgruppen im Volumen von 100 Milliarden US-Dollar mit Strafzöllen zu belegen, kann die Zugeständnisse aus Peking als seinen Erfolg verbuchen. Dennoch wird seine Unberechenbarkeit etwa im Syrien-Konflikt weiterhin dazu beitragen, dass die Kapitalmärkte auch künftig volatil bleiben. So bereits gestern geschehen: Via Twitter einen militärischen Schlag anzukündigen, ist eines Staatsmannes nicht würdig. In Zeiten von Kennedy und Nixon hat man die Botschafter der betroffenen Staaten einbestellt, um die weiteren Schritte zu erläutern bzw. anzudrohen. Das waren noch Zeiten - gute alte Zeiten!

"Trump kann Erfolg verbuchen."

Von Machtproben und griechischen Dramen

Es ist die erste richtige Machtprobe zwischen den Gewerkschaften und Staatspräsident Emmanuel Macron, die sich derzeit im Nachbarland Frankreich abspielt. Im Arbeitskampf mit den Bahnarbeitern, Müllwerkern oder Air-France-Beschäftigten will sich der Hausherr im Elysée-Palast als starker Präsident profilieren - ein Spiel mit hohem Risiko. Denn sollte Macron den Kampf verlieren, wären wesentlich wichtigere Reformen, die es anzupacken gilt, gefährdet. Unter anderem liegt die Malaise in einem ausgeprägten Mangel an Fachkräften bzw. den hohen Unternehmenssteuern.

"Paris hält Maastricht-Norm ein."

Aber auch Italien hat 2017 das Maastricht-Kriterium für die Neuverschuldung eingehalten. Mit 2,3 Prozent liegt der Wert allerdings über den erwarteten 1,9 Prozent, von denen Rom ursprünglich ausgegangen war. Notwendig geworden war die Korrektur nach oben wegen der Pleite zweier Banken in Venetien sowie der Traditionsbank Monte dei Paschi, die allesamt durch Staatsgelder gerettet worden waren. Insgesamt beträgt der Schuldenberg in Italien 131,8 Prozent des BIPs und liegt damit doppelt so hoch wie der in Deutschland. Ungewiss ist der weitere Kurs von Italien, nachdem es bei den Parlamentswahlen am 4. März eine Pattsituation gegeben hat. Diesen Donnerstag soll die zweite Konsultationsrunde über eine Regierungsbildung starten.

"Bankenrettung lässt Italiens Schulden steigen."

Um Staatsschulden geht es auch weiterhin in Griechenland, genauer gesagt um Schuldenerleichterungen, wie sie die Regierung in Athen erneut anstrebt. Zwar soll Griechenland nach acht Jahren Krise das internationale Rettungsprogramm beenden. Doch auch wenn dann die letzten Hilfskredite geflossen sein werden, bleibt Athen auf einem riesigen Schuldenberg sitzen. Der wird bis Jahresende auf 332 Milliarden Euro oder 180 Prozent des BIPs anwachsen, was für das griechische Schuldendrama heißt: Kein Ende in Sicht. Daher haben der Eurorettungsschirm ESM und Frankreich nun Vorschläge gemacht, wie man die Laufzeiten der Hilfskredite weiter strecken könnte. Dass es zu Schuldenerleichterungen für Athen kommen wird, scheint bereits festzustehen. Einzig offen ist die Frage nach dem Wie für diese insbesondere in Deutschland unpopuläre Maßnahme.

"Athen braucht weitere Erleichterungen bei Schulden."

Schuldenberg der USA wächst kräftig

Angesichts der lauten Töne eines drohenden Handelskrieges ist die Frage nach dem Haushaltsdefizit der USA etwas in den Hintergrund getreten. Wie nun eine neue Analyse des Haushaltsbüros des US-Kongresses offenbarte, wird sich die Neuverschuldung des Landes im Fiskaljahr (bis Ende September) um 139 Milliarden US-Dollar auf 804 Milliarden US-Dollar erhöhen. Ursache dieser Entwicklung ist die Steuerreform von D. T., dem Unberechenbaren, und das erst kürzlich gebilligte Haushaltsgesetz. Zwar wird davon ausgegangen, dass die Steuerreform für jährlich 0,7 Prozent mehr Wachstum sorgt. Dieser Schub kann aber die entstehende Haushaltslücke nur teilweise ausfüllen. Trump hatte dagegen behauptet, dass sich die Steuerkürzungen selbst tragen würden. Wie das überparteiliche Haushaltsbüro (CBO) weiter feststellte, soll das Defizit weiter "substanziell wachsen", bevor 2023 eine Stabilisierung eintrete.

"Ursache dieser Entwicklung ist die Steuerreform."

Auch in relativen Zahlen ist dieser Trend besorgniserregend. So wird das Defizit von 3,5 Prozent des BIPs auf 5,1 Prozent im Jahr 2022 ansteigen. Sollten keine Gegenmaßnahmen ergriffen werden, wird das Defizit auch auf diesem Niveau verharren. Damit sieht sich Trump mit einer sich verschlechternden Haushaltslage konfrontiert. Entsprechend wird die Staatsschuldenquote in den kommenden zehn Jahren auf nahezu 100 Prozent des BIPs ansteigen und damit den höchsten Schuldenstand seit dem Zweiten Weltkrieg erreichen.

"Schuldenquote wird auf 100 Prozent des BIPs ansteigen. "

Nachhaltige Erholung oder nur Flucht in den sicheren Hafen?

In diesem aktuellen weltpolitischen Umfeld eine Trendeinschätzung an den internationalen Finanzmärkten zu wagen, kommt einem Blick in die Glaskugel gleich. Haben doch die unterschiedlichsten Schlagzeilen zu Handelsbeschränkungen, Strafzöllen, Brexit und zukünftiger Geldpolitik dies- und jenseits des Atlantiks zu oftmals spiegelbildlichen Reaktionen an den Aktien- und Rentenmärkten geführt. Jetzt allerdings besteht die Möglichkeit - im Falle einer Rückkehr der Risikobereitschaft an den Aktienmärkten - zu überprüfen, ob sich dadurch die Renditenrückgänge wieder umkehren.

Grundsätzlich ist anzumerken, dass der Mitte Februar initiierte Aufwärtstrend weiterhin intakt ist. Somit ergeben sich nach charttechnischer Analyse ein erster Widerstand im Bereich 159,60 Prozent und ein zweiter bei ca. 160,26 Prozent. Die untere Unterstützungslinie des aufwärtsgerichteten Trendkanals verläuft momentan bei ca. 159,14 Prozent mit einer täglichen Steigerung von 0,11 Prozentpunkten.

Grundsätzlich ist anzumerken, dass der Mitte Februar initiierte Aufwärtstrend weiterhin intakt ist. Somit ergeben sich nach charttechnischer Analyse ein erster Widerstand im Bereich 159,60 Prozent und ein zweiter bei ca. 160,26 Prozent. Die untere Unterstützungslinie des aufwärtsgerichteten Trendkanals verläuft momentan bei ca. 159,14 Prozent mit einer täglichen Steigerung von +0,11 Prozentpunkten.

Insgesamt wurden viele Marktteilnehmer von der positiven Entwicklung der Anleihekurse überrascht, aber auf dem aktuellen Niveau bei den 2-, 5- und 10-jährigen Bunds besteht unter normalen Voraussetzungen keine Veranlassung, auf weiter steigende Kurse zu setzen. Sollte sich jedoch die Situation bei einem der diversen Krisenherde dramatisch verändern, so wäre auch von hier aus ein weiterer Anstieg möglich. Normalerweise sollten allerdings eine Beruhigung an den Aktienmärkten und die Rückkehr der Vernunft bei den Politikern eher für einen Rücksetzer beim Sorgenbarometer sorgen.

Aktuell notiert der Euro-Bund-Future bei ca. 159,45 Prozent, was einer Rendite für 10-jährige Bunds von ca. 0,50 Prozent entspricht.

"Was passiert, wenn bei Politikern die Vernunft zurückkehrt?"

von Klaus Stopp.
12. April 2018, © Baader Bank

Über den Autor

Klaus Stopp ist Head of Market Making Bonds der Baader Bank.

Dieser Artikel gibt die Meinung des Autors wieder, nicht die der Redaktion von boerse-frankfurt.de. Sein Inhalt ist die alleinige Verantwortung des Autors.

Quelle: Börse Frankfurt

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