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21. April 2018

BERLINER MORGENPOST: Ein Flächenbrand droht / Leitartikel von Michael Backfisch zu Trump


Berlin (ots) - Kurzform: Trump zeigt mit seiner Reaktion zwei
eklatante Schwächen. Zum einen offenbart er, dass er nicht einmal
ansatzweise über eine Syrien-Strategie verfügt. Ende März hatte er
noch den "baldigen" Abzug seiner Soldaten aus dem Bürgerkriegsland
angekündigt. Zum anderen gibt es bislang keine Beweise für die
mutmaßliche Giftgas-Attacke in Duma. Die USA und Russland schleudern
einander Behauptungen entgegen, die sich widersprechen. Es wäre
klüger gewesen, zuerst die Experten der Organisation für das Verbot
chemischer Waffen (OPCW) nach Syrien zu schicken, um die
Anschuldigungen zu überprüfen. Danach kann man über harte politische
oder im Notfall militärische Schritte nachdenken. Das würde
international mehr Zustimmung und Legitimität schaffen.

Der komplette Leitartikel: Die Nachrichten vom mehr als sieben
Jahre andauernden Bürgerkrieg in Syrien sind verstörend. Bilder von
Menschen, die im Bombenhagel oder Granatfeuer elend zugrunde gehen,
dringen fast täglich per Fernsehen in unser Wohnzimmer. Dass die
internationale Diplomatie bislang nichts - aber auch gar nichts -
erreicht hat, um das Leid der Männer, Frauen und Kinder zu lindern,
ist ein moralisches Fiasko. Die neueste Warnung von US-Präsident
Donald Trump Richtung Moskau verbessert die Lage nicht. Im Gegenteil.
"Mach dich bereit, Russland", poltert er in einem Tweet.
Amerikanische Raketen "werden kommen, schön und neu und 'smart'!" Es
ist die Ankündigung einer militärischen Vergeltungsaktion für den
mutmaßlichen Chemiewaffenangriff in der Stadt Duma am Wochenende. Die
Amerikaner machen den syrischen Diktator Baschar al-Assad dafür
verantwortlich. Nicht nur die Drohung per digitalem
Kurznachrichtendienst irritiert. Auch der salopp-lässige Ton, der
eher an die Werbung für Haushaltsgeräte ("schön", "neu", "smart")
erinnert oder an eine Keilerei unter Halbstarken ("mach dich
bereit"), ist bizarr. Dahinter steckt eine gefährliche Banalisierung
des Krieges - als sei das Ganze ein Computerspiel. Dass sich Russland
in der Angelegenheit nicht mit Ruhm bekleckert hat, steht auf einem
anderen Blatt. Dessen Botschafter im Libanon hatte in provokanter
Weise den Abschuss von US-Raketen auf Syrien ins Spiel gebracht. Der
amerikanische Präsident darf sich davon nicht beeindrucken lassen.
Trump zeigt mit seiner Reaktion zwei eklatante Schwächen. Zum einen
offenbart er, dass er nicht einmal ansatzweise über eine
Syrien-Strategie verfügt. Ende März hatte er noch den "baldigen"
Abzug seiner Soldaten aus dem Bürgerkriegsland angekündigt. Zum
anderen gibt es bislang keine Beweise für die mutmaßliche
Giftgas-Attacke in Duma. Die USA und Russland schleudern einander
Behauptungen entgegen, die sich widersprechen. Es wäre klüger
gewesen, zuerst die Experten der Organisation für das Verbot
chemischer Waffen (OPCW) nach Syrien zu schicken, um die
Anschuldigungen zu überprüfen. Danach kann man über harte politische
oder im Notfall militärische Schritte nachdenken. Das würde
international mehr Zustimmung und Legitimität schaffen. So aber haben
Amerika - und Teile des Westens - ein Glaubwürdigkeitsproblem. Im
März 2003 hatte eine US-geführte Koalition Krieg gegen den Irak
begonnen. Der Vorwand, dass Diktator Saddam Hussein im Besitz von
Massenvernichtungswaffen sei, hat sich später bekanntlich in nichts
aufgelöst. Das Gespenst des amerikanischen Geheimdienst-Phantasmas
von damals schwebt heute über den Drohungen Richtung Damaskus und
Moskau. Es ist unbestritten, dass die internationale Gemeinschaft den
Einsatz von Chemiewaffen ahnden muss. Aber dieser sollte lückenlos
nachgewiesen werden. Auch wenn es viele Gründe gibt, die gegen
Syriens Präsident Assad sprechen - er ist eine eiskalter
Machtpolitiker, der über Leichen geht. Trump riskiert nun mit seiner
in schnoddriger Sprache dahingeworfenen Drohung einen gefährlichen
Flächenbrand im Nahen Osten. Der syrische Teufelskreis mit den
Akteuren Iran, Türkei, Israel würde um eine mögliche Konfrontation
zwischen Amerika und Russland erweitert. An die langfristigen Folgen
seiner Tweet-Aktion denkt der Chef des Weißen Hauses nicht. Er hat
vermutlich die Zwischenwahlen im US-Kongress im November vor Augen.
Seine Mission: rhetorische Muskelspiele, Stärke, Dominanz. Ein
kurzfristiges Kalkül, das fatale Konsequenzen haben kann.



Pressekontakt:
BERLINER MORGENPOST

Telefon: 030/887277 - 878
bmcvd@morgenpost.de

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