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19. April 2018

Aus dem ETF Magazin: „Verantwortung wahrnehmen mit ESG-Investments“


17. April 2018. München (ETF Magazin). Klimaschutz und Nachhaltigkeit spielen auf der politischen Weltbühne derzeit eher eine untergeordnete Rolle. Die negative Haltung der US-Regierung gegenüber Umweltauflagen und internationaler Kooperation hat auch die letzte UN-Klimakonferenz in Bonn ausgebremst. Doch während sich die Politik den Herausforderungen der Zukunft nur widerwillig und mit Trippelschritten nähert, hat bei Anlegern inzwischen ein Umdenken stattgefunden. Wie die Nachhaltigkeitsstudie 2017 der Fondsgesellschaft Union Investment zeigt, berücksichtigen heute 64 Prozent der institutionellen Investoren Nachhaltigkeitskriterien - noch vor fünf Jahren lag dieser Wert bei 48 Prozent.

Dem steigenden Interesse trägt auch die ETF-Branche mehr und mehr Rechnung: Vor einigen Jahren hatten nur die Anbieter iShares und die UBS nachhaltig orientierte ETFs im Angebot. Inzwischen haben Amundi, BNP Paribas, Deka und Lyxor nachgezogen. Insbesondere BNP Paribas hat in der jüngeren Vergangenheit zahlreiche neue Nachhaltigkeits-ETFs lanciert. Dabei soll es nicht bleiben. "Wir werden unser Nachhaltigkeitsangebot weiter ausbauen", erklärt Chris Hofmann, Senior Sales Managerin bei BNP Paribas Asset Management.

Die Pioniere im Bereich der Nachhaltigkeits-ETFs bleiben ebenfalls am Ball: "Betrachtet man den aktuellen Trend, könnte es gut sein, dass SRI-Lösungen schon bald als typische Core-Investments gelten und den traditionellen Indizes in nichts nachstehen", spekuliert Dag Rodewald, Leiter von der Schweizer UBS. SRI steht für Socially Responsible Investments.

Häufig basieren Nachhaltigkeits-ETFs auf Indizes von MSCI. Der Indexanbieter hat eine ganze Familie solcher SRI-Indizes aufgelegt. Für diese besonderen Indizes sortiert MSCI, ausgehend vom Universum eines traditionellen Mutterindex, beispielsweise dem MSCI-World, diejenigen Unternehmen aus, die innerhalb kritischer Branchen über 5 Prozent Umsatz machen. Aktiengesellschaften, die mit Alkohol oder Glücksspiel ihr Geld verdienen, bleiben bei den MSCI-SRI-Indizes also auf jeden Fall schon außen vor. Die nach dem Screening verbleibenden Gesellschaften werden anhand ihrer Verantwortung für Umwelt, Soziales oder Unternehmensführung, den sogenannten ESG-Kriterien, bewertet. Die besten 25 Prozent der Titel fließen in den jeweiligen SRI-Index ein.

Strenge Auswahlkriterien

Bei MSCI ist man insbesondere auf das hauseigene Research stolz, das fragwürdige Unternehmen effektiv filtern kann: "Neben dem Business-Involvement-Screening, bei dem wir überprüfen, ob ein Unternehmen in ausgeschlossenen Branchen mehr als 5 Prozent Umsatz macht, schauen wir auch, ob Gesellschaften aktuell in umstrittene Vorgänge involviert sind. Dabei geht es beispielsweise um akute Fälle von Umweltverschmutzung oder auch Probleme bei der Unternehmensführung. Diese Informationen kann man nicht dem Geschäftsbericht entnehmen, sondern muss externe Quellen, wie beispielsweise NGOs, einfließen lassen", erklärt David Mark, Indexspezialist bei MSCI.

Eine Folge der strengen Auswahlkriterien des Indexanbieters: Die MSCI-SRI-Indizes schließen drei Viertel der Marktkapitalisierung ihrer Mutterindizes aus - womöglich zu viel für manch einen institutionellen Anleger. MSCI hat deshalb auch noch einige weniger strenge Indizes im Angebot. Bei den MSCI-ESG-Universal-Indizes werden nur einige Unternehmen, wie beispielsweise Hersteller umstrittener Waffen und Titel mit aktuellen Kontroversen, ausgeschlossen. Dafür gewichtet MSCI die verbliebenen Unternehmen nach ESG-Rating und ESG-Momentum. Die UBS hat erst kürzlich einige ETFs auf Basis der MSCI-ESG-Universal-Indizes aufgelegt. Diese Fonds zielen vor allem auf professionelle Investoren, die sich nicht allzu weit von den Standardindizes entfernen wollen. "Für Privatanleger reichen unsere SRI-Indizes vollkommen aus", erklärt Mark. Sowohl Branchen als auch Regionen seien in den SRI-Indizes ähnlich gewichtet wie bei den MSCI-Mutterindizes. Dies sorge für eine sehr ähnliche Entwicklung.

Neben den MSCI-Indizes wurden in den vergangenen Jahren auch nachhaltige Indizes entwickelt, bei denen eine ganz bestimmte Klasse von Unternehmen ausgeschlossen wird. So verzichten beispielsweise mehrere von BNP Paribas angebotene ETFs mit dem Namenszusatz "ex Controversial Weapons" auf Aktien bestimmter Waffenhersteller. Auch diese ETFs bzw. Indizes zeigen übrigens meist eine ähnliche Entwicklung wie der Gesamtmarkt, bei dem Waffenhersteller nur einen sehr kleinen Anteil ausmachen. Auch die von BNP und Amundi angebotenen "Low Carbon"-ETFs ermöglichen es Investoren, nah am Markt anzulegen, aber trotzdem die größten Klimasünder auszuschließen.

Während MSCI inzwischen über ein breites Angebot nachhaltiger Indizes verfügt, sind auf Indizes aus dem Hause Dow Jones zuletzt kaum neue ETFs emittiert worden. Die nachhaltigen Lösungen von Dow Jones tragen den Zusatz "Sustainability" und ähneln in ihrer Methodik dem SRI-Ansatz von MSCI. Für iShares, mit Indizes sowohl von Dow Jones als auch von MSCI im Angebot, haben beide Konzepte ihre Berechtigung. Dass iShares zuletzt vermehrt ETFs auflegt, die auf MSCI-Indizes basieren, erklärt der ETF-Marktführer mit der konsistenten Methodik von MSCI. Vor allem institutionelle Anleger würden häufig auf diesen Ansatz abstellen.

Anleihenbereich gefragt

In der Tat scheint es eines der Erfolgsgeheimnisse von MSCI zu sein, dass sich auch nachhaltige Konzepte gut in das umfangreiche MSCI-Indexuniversum integrieren. Dennoch finden sich trotz des großen Angebots noch einige Nischen, in denen es keine nachhaltigen Indizes von MSCI gibt. Es besteht also noch weiterer Bedarf. David Mark nennt exemplarisch Smallcaps aus Schwellenländern. Bei diesen Aktien reiche die Datenbasis bislang noch nicht aus, um entsprechende Indizes umzusetzen. Als künftiges Wachstumsfeld für nachhaltige Konzepte gilt allerdings der Bereich der festverzinslichen Wertpapiere. "Unsere SRI-Strategien lassen sich eins zu eins auf Unternehmensanleihen übertragen. Gerade in diesem Bereich sehen wir große Nachfrage der Investoren", erklärt Mark. Die ETF-Anbieter db x-trackers, -iShares und UBS haben bereits die ersten nachhaltig ausgerichteten Corporate-ETFs aufgelegt, die alle auf das MSCI-Verfahren aufsetzen.

Lyxor hat unterdessen einen etwas anderen Weg beschritten und bietet seit letztem Jahr einen ETF für sogenannte Green Bonds an. Die Emittenten dieser Anleihen finanzieren darüber beispielsweise Umweltprojekte in den Bereichen erneuerbare Energien, Energieeffizienz oder zur Bekämpfung des Klimawandels. Der Lyxor-Green-Bond-ETF bildet dabei einen Index von Solactive ab, der 116 Investment-Grade-Green-Bonds in Euro und US-Dollar enthält. Die Anleihen in diesem ETF müssen stets den Standards der Climate Bonds Initiative entsprechen.

Weitere Innovationen im ESG-Bereich dürften folgen. "Eine mögliche Produktinnovation könnte die Kombination von Megatrends und SRI-Investments sein. Beispielsweise, indem man Themen wie Digitalisierung und Robotik nachhaltig investierbar macht", sagt BNP-Paribas-Sales-Chefin Hofmann. MSCI arbeitet gerade daran, nachhaltige Anlagekonzepte mit Aktien-Renditefaktoren wie Value, Quality oder Momentum zu verknüpfen. "Die Kombination von SRI und Faktor-Investing wird langfristig für neue smarte Produkte sorgen. Wir arbeiten daran, die verschiedenen Ansätze effektiv miteinander zu kombinieren", erklärt MSCI-Mann Mark. Hintergrund sei die Eignung von ESG-Kriterien zur Risikosteuerung. Durch die Berücksichtigung von Nachhaltigkeitskriterien könnten bestimmte Risiken minimiert werden. "Wir klopfen Unternehmen anhand festgelegter Kriterien ab und ziehen externe Quellen hinzu. In der Vergangenheit hat dies das Risiko in unseren SRI-Indizes effektiv gesenkt", sagt Mark. Sei es beim VW-Skandal, bei BP im Zuge der "Deepwater Horizon"-Havarie oder beim US-Kreditkartenunternehmen Equifax, dem 2017 Daten gestohlen wurden: Alle drei Titel waren in den SRI-Indizes bereits nicht mehr vertreten gewesen.

Last liegt bei den Indexanbietern

Die ETF-Anbieter stehen der Kombination von Smart Beta und nachhaltigen Investments bisher noch skeptisch gegenüber: "Nachhaltige Smart-Beta-Ansätze wären sicher ein Produkt, das viele Kunden interessiert. Allerdings ist es eine Kunst, beide Ansätze zu kombinieren. Hier sind die Indexanbieter gefordert", sagt Hofmann. BNP Paribas vertraue vorerst beim Thema Smart Beta auf hauseigene Indizes.

Dennoch: Angesichts der steigenden Investorennachfrage und der immer besser werdenden Datenlage sind weitere Innovationen bei Nachhaltigkeits-ETFs wahrscheinlich. Vor allem bei Unternehmensanleihen könnten schon bald ETFs für neue Regionen hinzukommen. Schon heute jedoch ist das Angebot an nachhaltigen ETFs groß. Breit aufgestellte Indizes wie der MSCI-World-SRI oder der Dow-Jones-Global-Sustainability eignen sich als Basisinvestment. Nachhaltig konzipierte Länder-Indizes bieten sich ergänzend an. Hinzu kommen spezialisierte Fonds, die gewisse Branchen ausklammern oder aber Umweltaspekte in den Fokus stellen. Damit ist klar: Nachhaltigkeits-ETFs sind eine ernst zu nehmenden Alternative zu klassischen Indexfonds geworden.

von Nico Popp, © März 2018, ETF Magazin


Dieser Artikel stammt aus dem aktuellen ETF Magazin.

Das ETF Magazin erscheint quartalsweise in Zusammenarbeit mit Focus Money und richtet sich an Berater, Vermögensverwalter und Portfoliomanager, ist aber sicher auch für informierte Anleger interessant.

Quelle: Börse Frankfurt

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